Wie es ist, im Kinderheim aufzuwachsen
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Leben ohne Eltern Wie es ist, im Kinderheim aufzuwachsen

Bei den Eltern aufzuwachsen ist für fast alle ganz normal. Doch was, wenn das nicht geht? ZiSH hat mit Fabian gesprochen, der mit 14 in eine Wohngruppe zog, und dem Kinderheim Limmer einen Besuch abgestattet.

Wenn es zu Hause nur noch Streit gibt, kann ein Ausweg das Kinderheim sein – aber nicht immer auch eine Heimat.

Quelle: Symbolfoto/Fotolia

Bei ihrem heftigsten Streit drohte Fabians* Mutter sogar damit, sich umzubringen. Die beiden zofften ständig – mal um den nicht erledigten Abwasch, mal um Schulnoten. Aber nach dieser Ansage war dem 14-Jährigen klar, dass er von zu Hause weg musste. „Meine Mutter hat mich gefragt, ob ich wirklich gehen möchte. Die Antwort war für mich ganz klar: Ja“, erzählt der heute 23-jährige Fabian. Auf seinen Vater konnte der Junge damals nicht zählen – der hatte die Familie verlassen. Dass er mit seiner Mutter gebrochen hat, macht Fabian bis heute zu schaffen. Denn ab da war er anders als alle anderen. Und es sollte ein langer Weg werden, bis er ein anderes eigenes Zuhause finden sollte.

Nach dem Streit mit der Mutter ging Fabian zum Jugendamt. Viele Gespräche und zwei kurze Aufenthalte in Pflegefamilien später fand Fabian Unterschlupf in einer betreuten Wohngruppe für Jugendliche in der Nähe von Bremen.
Dass die betroffenen Jugendlichen den ersten Schritt machen und ihre Familien verlassen wollen, ist eher die Ausnahme: „In den meisten Fällen beantragen die Eltern Hilfe zur Erziehung beim Jugendamt“, sagt Kathrin Oldenburger, die Leiterin eines Kinderheims in Limmer. Zu 80 Prozent sind es alleinerziehende Mütter, die diesen Schritt machen.

"Ich habe mich gefühlt wie auf Klassenfahrt"

Im betreuten Wohnen begann für Fabian ein neues Leben: Der Teenager musste lernen, strenge Regeln zu befolgen. Das kannte er von zu Hause nicht: Wer abends rausgeht, muss bis 22 Uhr wieder zurück sein. Das Mittagessen wurde von allen gemeinsam eingenommen. Alle Vorhaben mussten vorher mit den Betreuern abgesprochen werden. Spontan nach der Schule zu einem Freund gehen war nicht drin. „Für einen Jugendlichen sind diese Regelungen total blöd“, sagt Fabian. Also begehrte der Teenager auf: Er kam viel zu spät heim, schwänzte die Schule und rauchte Zigaretten und andere Substanzen. „Ich habe mich gefühlt wie auf einer Klassenfahrt“, sagt er heute.

Hier gibt's Hilfe

Unter der Telefonnummer (05 11) 16 84 90 00 können sich hannoversche Familien durch die Jugend- und Familienberatung beraten lassen. Die Experten sind montags bis freitags von 13 bis 15 Uhr zu erreichen, um bei Problemen zu helfen.

Fabian wurde erwischt und bekam neue Probleme: Jede Woche gab es einen Drogentest, die Heimleitung drohte damit, seinen Haustürschlüssel einzukassieren. Oft hat Fabian mit seinem Schicksal gehadert. „Ich habe mich gefragt, warum gerade ich es so schwer habe und warum ich nicht einfach normal sein kann“, sagt er heute.

"Ihr zu Hause können wir nicht ersetzen"

Solche Zweifel kennt auch Kathrin Oldenburger aus dem Heim in Limmer. „Wir versuchen es den Kindern hier so schön wie möglich zu machen. Aber ihr zu Hause können wir nicht ersetzen“, sagt sie. 20 Kinder können dort in Einzel- und Doppelzimmern leben, die die Kinder so gestalten können, wie sie es möchten. Die Flure sind mit selbst gemalten Bildern behängt, es riecht nach dem frisch gekochten Mittagessen. Im Wohnzimmer können die Kinder krökeln, am Esstisch spielen oder auf dem Sofa faulenzen. Wer das erste Mal eine solche Einrichtung besucht, könnte den Eindruck haben, in einer Jugendherberge zu sein.
Ob Kinder sich im Heim wohlfühlen oder nicht, hängt laut Oldenburger auch von der Position der Eltern ab. „Wenn die Eltern die Entscheidung unterstützen, ist es einfacher für das Kind, anzukommen“, sagt sie. Sonst entstünde oft ein Loyalitätskonflikt.

"Ich wollte nur noch weg"

Da Fabian sich selbst für einen Auszug bei seiner Mutter entschieden hatte, steckte er nicht in so einem Konflikt – für ihn war klar, wo er leben wollte. Dafür machten die neuen Regeln ihm einige Probleme. Das kann Kathrin Oldenburger gut verstehen. „Die Regeln nerven die Kinder natürlich“, sagt sie. Aber sie müssten sein, denn viele Kinder hätten Dinge wie regelmäßiges Waschen und gesunde Ernährung nie richtig gelernt.

Das kann Fabian bestätigen: „Einer meiner Mitbewohner hat einfach nicht verstanden, dass man sich regelmäßig duschen muss“, erzählt er. Fabian lebte im betreuten Wohnen in einer Art WG mit zwei anderen Jungen. Wenn in den Gruppenräumen zu viel Trubel herrschte, konnte er sich in sein eigenes Zimmer zurückziehen. Zwar akzeptierte Fabian die Einrichtung übergangsweise als sein Zuhause, ihm war allerdings klar, dass er nicht länger als nötig dortbleiben würde. Kurz nach seinem 18. Geburtstag zog Fabian aus. „Ich wollte nur noch weg“, sagt er.

"Es wäre schön, nach Hause zu meiner Familie zu gehen"

Wenn in der Schule das Gespräch auf die Eltern aufkam, zog sich Fabian zurück. Sonst war er aufgeschlossen und um keine Antwort verlegen, doch aus diesen Gesprächen hielt er sich lieber raus. Er wollte einfach keine Sprüche über sein Leben als Heimkind hören. Aber auch Neid spielte eine Rolle. „Ab und zu habe ich mittags gedacht: Es wäre schön, nach Hause zu meiner Familie zu gehen wie meine Mitschüler”, erzählt Fabian.

Auch heute noch redet er nicht gerne über seine Vergangenheit. Viele Freunde wissen das und sprechen ihn nicht darauf an. Einen Satz hört er immer wieder: „Dafür hast du aber ganz schön viel aus deinem Leben gemacht.“

Mittlerweile studiert Fabian Erziehungswissenschaften. Für ein Praktikum kehrt er bald an den Ort seiner Jugend zurück. Fabian ist zufrieden mit seinem Leben. Seit einiger Zeit wohnt er mit seiner Freundin und seinen zwei Katzen in einer Dachgeschosswohnung. „Hier fühle ich mich endlich richtig zu Hause”, sagt er.

Von Anna Beckmann

Der Heimverbund Hannover hilft, wenn es zu Hause Probleme gibt

Der Heimverbund Hannover ist zuständig, wenn Kinder und Jugendliche familiäre Probleme haben oder nicht mehr zu Hause leben können. In der Stadt Hannover wohnten im vergangenen Jahr 301 Kinder in 75 verschiedenen Einrichtungen. Dazu gehören Wohngruppen wie bei Fabian und klassische Heime, aber auch Mädchenwohngruppen und Erziehungsstellen, in denen Pädagogen Kinder und Jugendliche vorübergehend in ihre eigene Familie aufnehmen.

In diesen Einrichtungen bleiben Kinder im Durchschnitt knapp zwei Jahre. Daneben hilft der Heimverbund auch mit ambulanten Diensten, die Familien zu Hause besuchen: Vier Jugendhilfeteams sind in Hannover unterwegs, um die Kinder und Familien in Krisensituationen zu unterstützen. Sie helfen auch Jugendlichen zwischen 16 und 21 Jahren, die kaum oder wenig Kontakt zu ihren Eltern haben und alleine oder zu zweit in Wohnungen leben, die der Heimverbund mietet.

Als eine Art Kompromiss gibt es als Angebot eine tägliche Kinderbetreuung von 8 bis 18 Uhr. Gemeinsame Ferien und Ausflüge zählen ebenfalls zum Programm. Zusammen mit den Eltern wird außerdem ein Plan erstellt, um Probleme in schwierigen familiären Verhältnissen zu lösen – sodass die Familie, wenn es möglich ist, zusammenbleiben kann.

Insgesamt 374 Kinder und Jugendliche betreut der Heimverbund Hannover derzeit. Ihr Durchschnittsalter beträgt 14,5 Jahre. Mit einem Anteil von 58 Prozent nehmen Jungen die Hilfe des Heimverbunds etwas häufiger als Mädchen in Anspruch.

Von Ansgar Nehls und Sarah Franke

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